Geistlicher Missbrauch in einer Gruppe: 

Darstellung geistlichen Missbrauchs in einem internen Leitungstreffen einer christlichen Gruppe

Geistlicher Missbrauch ist leider immer noch und immer wieder ein Thema in charismatischen Gruppen. Ich beschreibe einen typischen Fall hier deshalb, weil das mir vorliegende Material diesen Missbrauch authentisch wiedergibt. Es handelt sich dabei um ein internes Leitertreffen der Gruppe. Ich verbürge mich dafür, dass jedes Wort, von dem ich berichte, so gesprochen worden ist. Den Namen der Gruppe in Süddeutschland halte ich verborgen, weil ich sonst Menschen schaden würde, die immer noch in der Gruppe sind. Wörtliche Zitate sind in Anführungszeichen gesetzt.

Mein Hauptmotiv, dies zu schreiben, sind die Menschen, die die Gruppe verlassen haben und noch verlassen werden. Ich finde es sehr erschreckend, wie wenig sich die christliche Szene um solche Opfer kümmert, ja sie bisweilen dafür sogar ausgrenzt. Ihnen widme ich dieses Schreiben.

Die Situation der Gruppe war zu einem bestimmten Zeitpunkt von vermehrten Austritten gekennzeichnet. Langjährige Mitglieder hatten die Gruppe verlassen oder standen kurz davor. Nun wurde ein internes Leitertreffen einberufen, an dem alle Pastoren und Kleingruppenleiter der Gruppe teilnahmen. Hier sollte über die Abtrünnigen gesprochen werden. Der Leiter der Gruppe und mehrere der Pastoren sprachen zu dieser Gruppe. Eine Aussprache oder Diskussion fand nicht statt.

Zunächst fällt in allen Beiträgen eine starke Betonung der Leiter- und Ältestenschaft auf. Als Verfehlungen werden hier benannt: „Geringschätzung gegenüber Ältesten“, Älteste nicht akzeptieren, „Leben mit Ältesten und Leiterschaft heißt, dass ich sie ehre, anerkenne“, „Gott misst auch unser geistliches Leben daran, wie wir mit Ältesten und Leiterschaft umgehen“. Da heißt es, „dass wir ein hervorragendes Ältesten- und Leitungsteam haben“, und „dass Gott uns ein eingesetztes Ältesten- und Leitungsamt gegeben hat, das der Herr gebraucht.“ Bei einem Fall von Ehebruch wird gesagt: „wir als Älteste werden ihn aus der Gemeinde ausschließen müssen“. Von Ältestenschaft in der Gemeinde wird gesagt „Die sind ihm heilig“. Wem soviel Ehre und Anerkennung zukommt, den wagt man wohl kaum stärker zu kritisieren.

Schwerer zu erkennen ist der Umgang mit Menschen im seelsorgerlichen Bereich. „Korrektur“ gehört zum „Minimalkonsens“ der Gruppe, dem sich niemand entziehen kann. Dies wird an einem Fall deutlich, bei dem der Leiter den Versammelten einen Brief vorliest, den er einem kritischen Mitglied geschrieben hat. Der entscheidende Satz ist hier: „Wir sind an einem Punkt, an dem X (Anm. seine Frau) und ich empfinden, dass ihr uns das Mandat, euch geistlich zu begleiten, entzogen habt. Das ist legitim und für uns kein Problem.“ Er weist danach nochmals auf die beiden oben genannten Punkte und auf die Vision der Gruppe hin. Aus dem Kontext ist klar, dass auf den Entzug des „Mandates“ nur ein Austritt folgen kann. Das „Mandat, euch geistlich zu begleiten“ ist ein integraler Bestandteil der Gruppe, praktisch kann es durch Seelsorge des Leiterehepaares oder der angestellten Pastoren erfolgen – oder in den Kleingruppen, deren Leiter den Pastoren verantwortlich sind. Der Brief zeigt: Niemand in der Gruppe kann sich diesem System der Seelsorge entziehen.

In einem weiteren Bericht erzählt einer der Pastoren von einem seelsorgerlichen Kontakt mit einem ehemaligen Mitglied. Dieser Mann habe ihn aufgrund einer Trennung von seiner Freundin verzweifelt angerufen und um Rat gefragt. Der Pastor schildert das Gespräch so: „Da haben wir angefangen, über Radikalität zu sprechen und übers Kreuz und plötzlich gabs richtig ne dämonische Reaktion.“ Voller Verzweiflung hat sein Gesprächspartner einen Tisch zertrümmert. Das Fazit des Gespräches ist: „Diese Person war knapp dran, sich zu bekehren.“ Aber das Ganze endet ohne Ergebnis, „weil ich gemerkt hab, ich kann ihn nicht überzeugen, ans Kreuz zu kommen.“ Hier scheint der Seelsorger der Meinung zu sein, dass er dem Ratsuchenden nichts Anderes anbieten darf als eine sofortige Bekehrung.

Noch tiefgreifender ist allerdings die Interpretation der Kritik als dämonischer Angriff. Hier wird am deutlichsten eine Grenze überschritten. In den insgesamt zweistündigen Vorträgen kommt 30mal das Wort „Finsternis“ vor, 15mal der Begriff „Dämonen“ oder „dämonisch.“

Als der schon zitierte Pastor aufgrund einer, wie er sagt, falsch verstandenen Kritik des Leiters kritische Gedanken bekommt, fühlt er sich von Dämonen umgeben. Erst als er bereit ist, sich zu beugen, fühlt er, dass „diese dämonische, diese finstere Macht ist verschwunden, aus dem Zimmer raus.“ Sofort ruft er den Leiter an und tut Buße. Und dies ist genau das Schema, das die Gruppe gegenüber ihren internen Kritikern vertritt. Die Kritik wird als dämonischer Angriff verstanden, der nur zu überwinden ist, indem der Kritiker Buße tut.

Im letzten Vortrag spricht eine Pastorin über ein Buch von Rick Joyner und schildert eine dämonische Armee. „Die Waffen sind – kennen wir – Verrat, die Anklage, Tratsch, Klatsch, Verleumdung, Kritiksucht, so, das sind die Waffen.“ Sie spricht von einer erfolgreich durchbrochenen „dämonischen Decke“ über ihrem Ort und fährt fort: „Wir empfinden schon sehr stark ne andere dämonische Macht und ne andere dämonische Decke.“ Sie zitiert dann Judas 6, wo von Satan und seinen Dämonen die Rede ist, die „in Finsternis bewahrt“, sind. Wesentlich ist ihr, dass „Satan und seine Dämonen von Gott einen zugewiesenen Herrschaftsbereich bekommen haben, der nennt sich Finsternis.“ Sie stellt dann die Verbindung zu Lukas 11, Vers 35 her, wo Jesus sagt, „dass wir gucken sollen, dass das Licht in uns nicht finster wird oder Finsternis ist“. Damit ist die „Finsternis“ als ein Sitz Satans in mir verstanden. Und das heißt: „Finsternis im Herzen gibt Satan ein Anrecht.“ Denn das ist ja nach Judas 6 der von Gott zugewiesene Herrschaftsbereich. Die Einstellungen und Kritikgedanken der Abweichler sind „Denkweisen der Finsternis“ und „Bollwerke der Finsternis“, die zerstört werden müssen. Denn dort erhalten die Dämonen Zugang. Zugleich wird das „Bollwerk unserer Erfahrungen“, benannt, weil „diese Erfahrungen stehen einfach oft gegen die Wahrheit des Wortes Gottes.„ Diese hier ausgesprochene dämonische Beeinflussung führt dazu, dass man Gedanken hat, die nicht die eigenen sind: „Vielleicht hast du manchmal Gedanken und es sind gar nicht deine.“ Um diese Gedanken loszuwerden, gibt sie einen Tipp: „Unterwirf dich Gott!“ Dazu gehört eine „demütige Haltung.“ Der Kritiker wird also dazu aufgerufen, seine kritischen Gedanken aktiv zu bekämpfen: „da ist bei mir des, dieser Gedanke. Ja, Jesus, es tu mir leid und ich nehme ihn gefangen und ich tue Buße und bin ehrlich über meine Haltungen und Sünden und ich entscheide mich für den Weg der Demut.“ Und nicht genug: „Satan hasst Demut, hasst Kapitulation.“ Wer hier nicht kapituliert, der steht auf der Seite Satans! Am Ende steht ein Aufruf: „Dann, dann ersetzen wir die Gedanken mit Wahrheit!“ Nur, welche Wahrheit? Klar, die des Wortes Gottes – nur, wer hat hier die Deutungshoheit? Auch das ist ganz klar: Die Ältesten- und Leiterschaft und ganz oben der Leiter der Gruppe.

Der Leiter antwortet auf diesen dämonologischen Vortrag: „Vielen Dank, das war superkuhl!“ Und sein Aufruf lautet: „Erkennen, aussprechen und dann gefangen nehmen und in Wahrheit ersetzen, ja? Zu sagen: Ich will mich vom Teufel nicht in irgendeiner Art und Weise binden und festbinden lassen.“

Darauf folgt ein Aufruf der Rednerin, in dem es u.a. heißt: „Teufel, ich zieh dir richtig die Maske runter, ich zieh dir die Maske, ich entblöße dich. Und ich entlarve Misstrauen, ich entlarve des, dass ich komische Gedanken hatte, ich entlarve das als Lüge, diese Lüge bringe ich ans Kreuz Jesu. Bitte, vergib mir.“ Und: „Entgifte dich heute!“

Wieder der Leiter: „Herr, wir reißen heute Festungen der Finsternis ein, Herr. Herr wir reißen Gedankenfestungen der Lüge ein, Herr. Herr, Gedankenfestungen der Anklage, wir reißen sie ein, Herr, im Namen Jesu!“

Es folgen weitere Gebete in diese Richtung. Am Ende gibt der Leiter noch einige Anweisungen: „Wir haben die Patoralteams mit ihren Coaches, und ich würde vorschlagen einfach, dass ihr Treffen vereinbart, das fände ich super. Dann könnt ihr da, wo Gesprächsbedarf ist, könnt ihr da sprechen. Gleichzeitig ist ja auch die Gemeinde da und wir wollen auch in der nächsten (Anm: Kleingruppenzusammenkunft) werden wir nicht alles, aber Punkte davon natürlich auch reingeben, weil wir glauben, dass das einfach ein Schlüssel ist für das, was Gott machen will. So, das heißt Ermutigung, mit dem Pastoralteam, den Coaches euch zusammen zu treffen, irgendwo, vielleicht auch außer der Reihe.“

Mit dieser Anweisung wird sichergestellt, dass sich das Thema nicht weiter verselbstständigt, sondern unter der Aufsicht der Leitung bleibt. Das „Reingeben“ bedeutet, dass die Sicht der Dinge, die hier referiert worden ist, auch in die Gruppen der Gemeinde, die sich wöchentlich treffen, gegeben wird, so dass sie in diesem Sinne instruiert werden.

Eine persönliche Schlussbemerkung: Bei den in den Reden mit vollem Namen genannten Kritikern handelt es sich nicht um Randpersonen, sondern um Mitglieder mit zum Teil 20- bis 30jähriger Mitgliedschaft. Es sind verantwortliche Leiter von Teilbereichen, die hier ausgestiegen sind. Nirgendwo wird die Frage gestellt, warum denn eine so lange Mitgliedschaft nicht zu einer „Heiligkeit“ im Sinne der Gruppe geführt hat, sondern zu einer angeblich dämonischen Verführung. Die kritischen Mitglieder werden durch die Anschuldigungen in hohem Maße belastet, da sie ja die Lehren der Gruppe immer noch im Kopf haben. Es könnte sein – so ihre Gedanken – dass sie tatsächlich des Teufels sind, also verworfen und auf dem Weg in die Hölle. Nach meiner Beobachtung brauchen Aussteiger aus der Gruppe deshalb fast regelmäßig Begleitung und therapeutische Hilfe. Nur wenige finden ihren Platz in anderen christlichen Bereichen und sind dann äußerst vorsichtig, sich wieder zu binden. Viele wenden sich ganz von der christlichen Botschaft ab. Sie haben die Gute Nachricht als angstmachend und als Beschneidung ihrer persönlichen Lebensführung erlebt. Damit wollen sie nichts mehr zu tun haben. Umgekehrt ist diese Haltung für die Gruppe eine Bestätigung ihrer „Dämonentheorie“: „So, wenn ich mir die Früchte anschaue bei manchen der Leute, die aus der Gemeinde gegangen sind, dann sehe ich nicht Früchte des Geistes.“

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